Seit heute 06.30 Uhr ist der größte Hörsaal Österreichs wieder frei. Das Rektorat der Uni Wien hat in der Nacht eine Räumung beschlossen und Montag früh durchführen lassen. Kurz darauf erging ein Mail des Rektors an alle Studierenden der Uni, das die Hintergründe erklärt."Sehr geehrte Studierende der Universität Wien! Seit mehr als sieben Wochen hält die Protestbewegung der Studierenden an,sind Hörsäle und weitere Räumlichkeiten an der Universität Wien und an anderen Universitäten besetzt und Protestaktionen unterschiedlichster Art in Gang. Der Protestbewegung ist es dabei gelungen, viele brennende Probleme der Universitäten einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, zum Teil auch eine breite öffentliche Diskussion auszulösen. Das Aufzeigen der strukturellen Defizite der österreichischen Hochschulpolitik und insbesondere der Defizite in der finanziellen Ausstattung der Universitäten ist zweifellos ein Ergebnis dieser Bewegung. Die Universitätsleitung und viele weitere Angehörige der Universität haben von Beginn an Verständnis für viele Anliegen der Protestbewegung gezeigt und mehrfach ihre Bereitschaft zum Dialog und zur kritischen Auseinandersetzung artikuliert. Gespräche und Maßnahmenkatalog der Universitätsleitung Die Universitätsleitung ist seit Beginn der Besetzung des Audimax an einem konstruktiven Dialog mit den BesetzerInnen interessiert. Um den Studierenden ein konkretes Dialogangebot zu machen, organisierte die Universitätsleitung bereits drei "Universität Wien Foren" (19.11., 26.11. und 10.12.) mit dem Ziel, die zentralen Fragen für eine nachhaltige Hochschulstrategie zu bündeln und die Anliegen der Studierenden auf Universitätsebene zu konkretisieren. Auch in direkten Gesprächen mit VertreterInnen der BesetzerInnen und der Österreichischen HochschülerInnenschaft wurden Wege gesucht, die gemeinsamen Forderungen an die Politik zu konkretisieren, unmittelbare Probleme im Studienbetrieb zu identifizieren und einen längerfristigen Dialog zur gemeinsamen Verbesserung zu organisieren. Ein konkreter Maßnahmenkatalog zur Verbesserung der Studienbedingungen liegt vor. http://webedit.univie.ac.at/index.php/?id=498 Der Senat der Universität Wien hat einen Prozess zum Thema "Curricula - Gestaltung der Studienpläne" gestartet. Im Bereich der Studienadministration wird an administrativ-technischen Lösungen (z.B. zur Verbesserung der Anmeldeservices) gearbeitet. Zur Verbesserung der Studienbedingungen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen laufen ebenfalls mehrere Projekte, z. B. abweichende Prüfungsmodalitäten. Ein Arbeitskreis wird sich mit der Frauenförderung, insbesondere im Hinblick auf die Aktualisierung des Frauenförderplans, auseinandersetzen. In zwei weiteren Bereichen wird das Rektorat Maßnahmen in Angriff nehmen: die Verstärkung und Beschleunigung von Vorhaben in den stark nachgefragten Studienrichtungen (z.B. zusätzliche Lehrveranstaltungen und Gastprofessuren) sowie die Ausweitung von Mentoring-Angeboten, etwa durch mehr studentische MitarbeiterInnen. Keine AnsprechpartnerInnen - die Spaltung der Protestbewegung Anfang letzter Woche schien eine Lösung zum ersten Mal vorstellbar: Die BesetzerInnen beschlossen am Montagabend, 14. Dezember 2009, dass "grundsätzlich wieder Lehrveranstaltungen stattfinden können sollen" - es deutete sich ein Kompromiss an, wie er auch an anderen österreichischen Universitäten vereinbart werden konnte. Allerdings waren die Bedingungen der Rückgabe der Hörsäle und Räume unklar. Am Mittwoch wurden jedoch Büroräumlichkeiten der Universität von BesetzerInnen gewaltsam aufgebrochen und besetzt. Darauf musste die Universität mit einer polizeilichen Räumung reagieren. Die Ereignisse vom Mittwoch hatten auf die Struktur der Protestbewegung an der Universität Wien erhebliche Auswirkungen: Es spaltete sich die Protestbewegung in eine radikale und eine gemäßigte Fraktion; viele von den Gemäßigten verließen in Folge die Protestbewegung.Die Universitätsleitung versuchte dennoch die zweite Hälfte der vergangenen Woche intensiv, noch einmal über Gespräche Kompromissvarianten auszuloten. Allerdings gelang es nicht, verantwortliche AnsprechpartnerInnen zu finden, die sich in der Lage sahen, für die Bewegung zu sprechen oder Verantwortung für die immer gravierenderen Sicherheitsprobleme zu übernehmen. Sicherheitslage nicht mehr verantwortbar Die Sicherheitslage im Hauptgebäude der Universität Wien, insbesondere im Audimax und den umliegenden Räumlichkeiten, verschärfte sich in der letzten Woche dramatisch: Brachte schon die Umwandlung des Audimax in einen "Schlafsaal" für Obdachlose Probleme, so wurden in den letzten Tagen zunehmend Drogenkonsum und Raufhändel gemeldet. In den - ebenfalls besetzten - ehemaligen USI-Räumlichkeiten im Hof 5 fanden am vergangenen Wochenende Techno-Parties statt. Am 14.12. kam es zur Verhaftung eines in Deutschland polizeilich gesuchten Demonstranten. Nachdem die Sicherheit im Hauptgebäude nicht mehr zu garantieren war, entschloss sich die Universitätsleitung gemeinsam mit der Exekutive, das Hauptgebäude und das Neue Institutsgebäude über Weihnachten gänzlich zu schließen. Die Universitätsleitung bedauert diesen Schritt setzen zu müssen, er ist jedoch unumgänglich geworden. *Kontakthinweise entfernt*
Mit freundlichen Grüßen Georg Winckler, Rektor" |